Münstersche Zeitung
Lispeln für Loriot
Theater: Wiedersehen mit alten Freunden - Sketche am Boulevard
Hermann und Hildegard, Herr und Frau Blömann, Karl-Heinz Stiegler, Herr Mosbach oder Erwin Lindemann - ein Abend mit Sketchen von Loriot ist wie ein Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten.
Man kennt sie mit all ihren Ticks und Eigenarten. Ihre Geschichten hat man ungezählte Male gehört, und doch freut man sich jedesmal, wnn man ihnen wieder begegnet. Am Boulevard-Theater in der Königspassage gingen die Charaktere von Loriot in den letzten Jahren regelmäßig ein und aus. Jetzt sind sie wieder da, alle zusammen, an einem Abend und auf einer Bühne. „Loriot - auf ein Neues" heißt das Best-of-Programm, das am Dienstag angelaufen ist. Darin haben Michaela Fleischer, Magnus Heithoff und Intendantin Angelika Ober einige besondere Schmankerl aus der prallvollen Sketche-Kiste des vielleicht größten deutschen Humoristen platziert.
In knapp 90 Minuten schlüpfen die drei Schauspieler in alle erdenklichen Rollen, wechseln Kostüme, Frisuren und Charakterzüge beinah im Minutentakt - eine echte Herausforderung. Sie steht Heithoff als Bundestagsabgeordneter am Rednerpult und hält eine beeindruckend sinnentleerte Rede. Im nächsten Bild sieht man ihn bereits wieder: als verdatterten Lottogewinner, umringt von einem Fernsehteam.
Angelika Ober springt mühelos von der energischen Ehefrau mit Schürze und Geschirrtuch zur Fernsehansagerin, die zwischen Middle Fritham und Nether Addlethorpe fast den Verstand verliert. Und Michaela Fleischer gibt die hochnäsige Kunstkennerin beim Mussorgski-Konzert genauso überzeugend wie die energische Eheberaterin, die mit den Blömanns „die Grundformen des Kusses neu erarbeiten" will und am Ende selbst über die Kuss-Puppe herfällt.
Lieblingsthema Sprache
Loriots Lieblingsthema ist und bleibt natürlich die Sprache. Das Verdrehen von Wörtern, das ewige Missverstehen, das aneinander Vorbeireden bei Eheleuten und solchen, die es werden wollen. Loriot wusste schon lange vor Mario Barth: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen." Loriot hat es in meisterhaften Dialogen festgehalten.
Im Boulevard-Theater stürzen sich die drei Schauspieler mit Freude auf diese sprachlichen Herausforderungen: Ober ergibt sich genussvoll den Tücken einer „englischen Fernsehansage". Fleischer versucht vergeblich, ihr Gegenüber auf die berühmte Nudel im Gesicht hinzuweisen („Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard!") Heithoff brilliert als missverstandener Ehemann, untalentierter Skatspieler oder als überforderter Glückspilz Erwin Lindemann. Eine tolle Ensemble-Leistung und ein freudiges Wiedersehen mit den alten Bekannten - fehlten eigentlich nur noch Herr Müller-Lüdenscheid und Herr Doktor Klöbner.
Westfälische Nachrichten
Die Frau will früh zu Bett
Ein Journalist hat Vicco von Bülow alias Loriot einst gefragt, warum denn die Erotik in seinem Werk keine Rolle spiele. Woraufhin Loriot fein konterte:" Da ist Ihnen wohl was entgangen".
Und so scheuen sich Angelika Ober, Prinzipalin des Boulevard Theaters Münster, und ihre Mitstreiter nicht, den bekannten Sketchen bei der Premiere des neuen Loriot-Programms frivole Würze zu geben. Wo einst das Knollnasenpärchen frustriert in Richtung des kaputten Fernsehers blickte, nimmt sich Ober die Freiheit, in anzüglichem Ton zu fragen, ob man nicht "früh ins Bett gehen „ sollte - während Magnus Heithoff als ihr Partner stoisch über die mangelnde Qualität des Programms lamentiert, an dessen Ausfall er dennoch krankt.
„Loriot - Auf ein Neues" heißt die jüngste Produktion mit den bekannten Humor - Klassikern. Furios schon der Einstieg: Eben noch erörterten Ober und Heithoff, was passieren würde, wenn „ ein Trompeter in eine Geige bliese", schon ist die nächste Szene dran. Nun textet Heithoff als Gewinner eines Preisausschreibens seine Sitznachbarinnen im Theater mit dem Salamo - Bratfett - Werbespruch zu. Und als ihm sein Bonbon geradewegs in den Ausschnitt der Frau zu seiner Linken (herrlich pikiert: Michaela Fleischer) flutscht, greif er beherzt zu. So was gefällt.
Auch der Nudel - Sketch überzeugt selbst wenn Heithoff seine liebe Müh` hat, den übergroßen Klebestreifen stets an eine neue Stelle zu pappen. Und die TV - Ansage der britischen Fernsehserie? Sie amüsiert, weil Ober mit köstlicher Mimik punktet.
Ober, zugleich Regisseurin, hält aber nicht sklavisch an den TV - Originalen fest. Beim Sketch zur Frage der Garderobe etwa („ Das Blaue mit den Schößchen?") tauchen plötzlich auch die „ Schwarzen mit der Merkel" auf. Dem Spaß tut diese Aktualisierung keinen Abbruch, weil klar bleibt, was thematisiert wird: die Schwierigkeit des Miteinanders und der „zerbröselten Kommunikation", wie Loriot es nannte.
Die Zeit zwischen den Sketchen wird musikalisch geschickt überbrückt. So folgt etwa auf Heithoffs Glanznummer als Phrasen dreschender, die Silben dehnender Bundestagsparlamentarier die deutsche Hymne mit Kanzler - Schröder - Stimme auf „ Einigkeit und Recht auf Freizeit".
Gut eineinhalb Stunden dauert der Parforceritt durch Loriots Sketche - Panoptikum. Es gibt viel Applaus für den kurzweiligen Abend.
Von Petra Nappeney
